Altersvorsorge18. Mai 202611 Min. Lesezeit

Riester oder ETF-Sparplan: Was lohnt sich 2026?

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Kaum eine Frage beschäftigt deutsche Sparer mehr als diese: Riester-Rente oder ETF-Sparplan? Die populärwissenschaftliche Antwort lautet oft pauschal "ETF immer". Das ist zu einfach. Die Riester-Rente kann in bestimmten Konstellationen, insbesondere für Familien mit mehreren Kindern und mittleren Einkommen, durchaus sinnvoll sein. Dieser Artikel liefert die Zahlen, damit Sie die Entscheidung für Ihr eigenes Profil treffen können.

Wie die Riester-Rente funktioniert

Die Riester-Rente ist ein staatlich gefördertes Altersvorsorgeprodukt, das 2002 eingeführt wurde. Die Förderung besteht aus zwei Komponenten. Erstens: staatliche Zulagen, die direkt dem Riester-Vertrag gutgeschrieben werden. Die Grundzulage beträgt 175 Euro pro Jahr. Für jedes Kind kommen Kinderzulagen hinzu: 185 Euro pro Jahr für Kinder, die vor 2008 geboren wurden, und 300 Euro pro Jahr für Kinder ab Geburtsjahrgang 2008. Eine Familie mit zwei Kindern, die nach 2008 geboren sind, erhält also jährlich 175 + 300 + 300 = 775 Euro Zulagen.

Zweitens: der Sonderausgabenabzug. Bis zu 2.100 Euro pro Jahr (inklusive der erhaltenen Zulagen) können als Sonderausgaben in der Einkommensteuererklärung geltend gemacht werden. Das Finanzamt prüft automatisch, ob der Steuerrabatt den Zulagenanspruch übersteigt. Ist das der Fall, gibt es eine zusätzliche Steuererstattung (so genannte "Günstiger-Prüfung"). Für Gutverdienende mit hohem Grenzsteuersatz und wenigen Kindern kann der Steuerrabatt interessanter sein als die Zulagen.

Der Eigenbeitrag, den der Sparer selbst leisten muss, um die vollen Zulagen zu erhalten, beträgt 4 % des sozialversicherungspflichtigen Vorjahresbruttoeinkommens, mindestens jedoch 60 Euro pro Jahr. Bei einem Bruttoeinkommen von 45.000 Euro sind das 1.800 Euro Eigenbeitrag. Zusammen mit den Zulagen wird dann das Förderziel von 2.100 Euro (inklusive Zulagen) erreicht.

Ein zentrales Merkmal der Riester-Rente ist die Kapitalgarantie: Zum Rentenbeginn muss mindestens das eingezahlte Kapital inklusive der erhaltenen Zulagen zur Verfügung stehen. Das klingt gut, hat aber einen entscheidenden Nachteil: Um diese Garantie zu gewährleisten, müssen Riester-Produkte einen erheblichen Teil des Kapitals konservativ anlegen, was die Rendite drastisch senkt. In der Auszahlungsphasewerden alle Leistungen als normales Einkommen versteuert (nachgelagerte Besteuerung), was bei ausreichend hohen Renteneinkünften zu einer erheblichen Steuerbelastung führen kann.

Wie ein ETF-Sparplan funktioniert

Ein ETF-Sparplan ist simpel: Sie legen monatlich einen festen Betrag in einen oder mehrere börsengehandelte Indexfonds (ETFs) an. Ein breit diversifizierter ETF auf den MSCI World bildet rund 1.500 Unternehmen aus 23 Industrieländern ab und kostet typischerweise nur 0,10 bis 0,20 % Gesamtkostenquote (TER)pro Jahr. Ohne Provisionen, ohne Abschlussgebühren, ohne Verwaltungsgebühren des Versicherungsmantels.

Der ETF-Sparplan erhält keine staatlichen Zulagen. Dafür bietet er vollständige Flexibilität: Sie können die Sparrate jederzeit anpassen, den Sparplan pausieren, Teilbeträge entnehmen oder den gesamten Bestand verkaufen. Es gibt keine Vertragsbindung, keine Anbieter-Abhängigkeit und keine bürokratischen Hürden. Das angesparte Kapital ist jederzeit vollständig verfügbar.

Die Besteuerung erfolgt nach dem deutschen Abgeltungssteuerrecht: 25 % Abgeltungssteuer plus Solidaritätszuschlag auf Kursgewinne und Ausschüttungen, abzüglich des Sparerpauschbetrags von 1.000 Euro pro Jahr (2.000 Euro für zusammenveranlagte Ehepaare). Für Aktien-ETFs gilt zusätzlich eine Teilfreistellung von 30 %: Nur 70 % der Erträge sind steuerpflichtig. Das reduziert den effektiven Steuersatz auf Kursgewinne bei Aktien-ETFs auf etwa 18,5 % statt der nominalen 25 %.

Renditebeispiel: Familie mit zwei Kindern, 35 Jahre Anlagezeit

Betrachten wir ein konkretes Beispiel: Familie mit zwei Kindern (beide ab 2008 geboren), Bruttoeinkommen 45.000 Euro, Sparzeit 35 Jahre bis zur Rente.

Szenario Riester: Der Eigenbeitrag beträgt 4 % von 45.000 Euro = 1.800 Euro pro Jahr. Zusammen mit den Zulagen (175 + 300 + 300 = 775 Euro) werden insgesamt 1.975 Euro pro Jahr für das Riester-Konto aufgebracht. Bei einem typischen Riester-Produkt mit 2 % Nettorendite nach allen Kosten (realistisch für klassische Riester-Versicherungen mit Kapitalgarantie) ergibt sich nach 35 Jahren ein Endkapital von rund 95.000 Euro. In der Auszahlungsphase werden die Leistungen voll versteuert; bei einem angenommenen Grenzsteuersatz von 22 % im Alter verbleiben netto rund 74.000 Euro.

Szenario ETF-Sparplan: Gleicher monatlicher Aufwand von 1.975 Euro pro Jahr (164,58 Euro pro Monat), investiert in einen MSCI World ETF. Bei einer historisch konservativen Renditeerwartung von 6 % pro Jahr nach Kosten (der MSCI World hat langfristig 8-10 % nominal erzielt) wächst das Kapital nach 35 Jahren auf rund 233.000 Euro. Nach Abzug der Abgeltungssteuer auf die Gewinne (unter Berücksichtigung des Sparerpauschbetrags und der 30 %-Teilfreistellung) verbleiben netto rund 205.000 Euro.

Die Differenz beträgt rund 131.000 Euro zugunsten des ETF-Sparplansin diesem Szenario. Das ist erheblich. Allerdings: Die Riester-Bilanz verbessert sich deutlich, je mehr Kinder im Haushalt sind und je niedriger das Einkommen ist, weil die Zulagenquote (Zulagen als Anteil am Gesamtbeitrag) dann deutlich höher ausfällt.

SzenarioEndkapital (brutto)Kapital nach Steuern
Riester (2 % Nettorendite, 35 Jahre)95.000 Euroca. 74.000 Euro
ETF-Sparplan (6 % p.a., 35 Jahre)233.000 Euroca. 205.000 Euro
Vorteil ETF-Sparplan+138.000 Euro+131.000 Euro

Wann Riester sinnvoll ist

Es gibt Konstellationen, in denen die Riester-Rente trotz ihrer strukturellen Schwächen eine vernünftige Wahl sein kann:

  • Mindestens zwei Kinder ab 2008 geboren. Bei zwei Kindern erhalten Sie jährlich 600 Euro Kinderzulagen. Bei drei Kindern wären es 900 Euro. Mit niedrigem Eigenanteil und hoher Förderquote verbessert sich die effektive Rendite erheblich. Für eine vierköpfige Familie mit niedrigem Einkommen kann die Förderquote 30-40 % des Gesamtbeitrags ausmachen.
  • Niedriges bis mittleres Einkommen (30.000 bis 50.000 Euro brutto).Bei niedrigem Einkommen ist der Eigenbeitrag klein, die Zulagenquote hoch. Bei 30.000 Euro Bruttoeinkommen beträgt der Mindestbeitrag nur 1.200 Euro pro Jahr, und die Zulagen können einen erheblichen Teil davon abdecken.
  • Wenn Sie absolute Sicherheit über Garantiekapital priorisieren.Die gesetzliche Kapitalgarantie schützt vor dem Totalverlust. Für sehr risikoscheue Sparer, die sich mit Aktienvolatilität nicht wohlfühlen, kann das ein echtes Argument sein.
  • Als Beamte oder Pflichtversicherte in der gesetzlichen Rentenversicherung.Riester ist nur für diesen Personenkreis förderberechtigt. Selbstständige ohne Pflichtversicherung können kein Riester abschließen.

Wann der ETF-Sparplan die bessere Wahl ist

In den meisten anderen Szenarien ist der ETF-Sparplan überlegen:

  • Höheres Einkommen (über 60.000 Euro brutto). Bei hohem Einkommen ist der Sonderausgabenabzug zwar wertvoller, aber die Gesamtförderquote im Verhältnis zum Eigenbeitrag bleibt niedrig. Der ETF-Sparplan erzielt eine deutlich höhere Rendite als jeder Riester-Anbieter mit Kapitalgarantie.
  • Wenige oder keine Kinder. Ohne Kinderzulagen ist die staatliche Förderung deutlich weniger attraktiv. 175 Euro Grundzulage auf einem Jahresbeitrag von 2.100 Euro entsprechen einer Förderquote von nur 8,3 %.
  • Wunsch nach voller Flexibilität. Jobwechsel ins Ausland, Selbstständigkeit, frühere Entnahmen: Der ETF-Sparplan passt sich jeder Lebenssituation an. Ein Riester-Vertrag ist faktisch bis zum 62. Lebensjahr gebunden.
  • Lange Anlagedauer (15 Jahre oder mehr). Je länger der Anlagehorizont, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Aktien-ETF die Kapitalgarantie des Riester-Produkts deutlich übertrifft. Über 30 Jahre hat der MSCI World historisch nie eine negative Rendite erzielt.

Die Kostenfalle bei der Riester-Rente

Einer der größten Kritikpunkte an der Riester-Rente sind die Kosten. Klassische Riester-Versicherungsprodukte, die über Bankberater oder Versicherungsvertreter vertrieben werden, können erhebliche Gebühren enthalten:

  • Abschluss- und Vertriebsgebühren: oft 4 % der prognostizierten Beitragssumme, verteilt auf die ersten fünf Jahre. Bei einem 35-jährigen Vertrag mit 1.800 Euro Jahresbeitrag wären das 63.000 Euro Beitragssumme, also bis zu 2.520 Euro Abschlussgebühr allein.
  • Verwaltungsgebühren: 1 bis 1,5 % des verwalteten Vermögens pro Jahr sind bei klassischen Riester-Versicherungen nicht unüblich. Über 35 Jahre frisst das einen erheblichen Teil der Rendite.
  • Fondsgebühren bei Riester-Fondssparplänen: Wenn der Riester-Vertrag Investmentfonds enthält, kommen deren Verwaltungsgebühren (TER) noch hinzu.

Das Ergebnis: Ein klassischer Riester-Vertrag aus einer Bankfiliale oder von einem Versicherungsvertreter hat nach allen Kosten häufig eine Nettorendite von nur 1 bis 2 % pro Jahr. Selbst günstige Riester-ETF-Sparpläne (erhältlich bei Direktbanken ohne Abschlussgebühren) kommen wegen der Kapitalgarantie selten über 3 bis 4 % Nettorendite.

Die Riester-Reform-Debatte 2026

Die Bundesregierung diskutiert 2026 eine grundlegende Reform der geförderten Altersvorsorge. Im Mittelpunkt stehen zwei Ansätze: eine stärkere Aktienbeteiligung in der gesetzlichen Rentenversicherung (Schweden-Modell), und eine Modernisierung des Riester-Systems mit höheren Aktienquoten, flexibleren Garantieregelungen und vereinfachter Förderantragstellung.

Das wichtigste Signal aus Berlin ist, dass das aktuelle Riester-System in seiner jetzigen Form als nicht zukunftsfähig gilt. Wer aktuell noch keinen Riester-Vertrag hat, kann die Reformentscheidung abwarten. Wer einen laufenden Vertrag hat, sollte dessen Kosten prüfen: Ein Wechsel zu einem kostengünstigen Riester-ETF-Sparplan (Übertragung des Bestands auf einen neuen Anbieter) kann die Situation erheblich verbessern, ohne Zulagen oder Steuervorteile zu verlieren.

Die Kombinations-Strategie: Riester für die Förderung, ETF für die Rendite

Die clevere Lösung für viele Sparer ist eine Kombination beider Produkte. Die Strategie funktioniert so: Schließen Sie einen Riester-Vertrag ab (idealerweise einen kostengünstigen Riester-ETF-Sparplan ohne Abschlussgebühren), und besparen Sie ihn nur in Höhe des Mindestbeitrags, der zur vollen Zulagenförderung erforderlich ist.

Bei einem Bruttoeinkommen von 45.000 Euro und zwei Kindern (ab 2008) berechnet sich der Mindestbeitrag wie folgt: Förderziel 2.100 Euro, abzüglich 775 Euro Zulagen = 1.325 Euro Mindestbeitrag. Den Rest Ihres monatlichen Sparbudgets investieren Sie in einen ETF-Sparplan. So nehmen Sie die staatlichen Zulagen mit, ohne den Großteil Ihres Kapitals dem starren Riester-System mit seinen Renditebremsern zu überlassen.

Voraussetzung für diese Strategie: ein Riester-Vertrag ohne oder mit sehr niedrigen Abschlussgebühren. Mehrere Direktbanken und Online-Broker bieten solche Produkte an. Vermeiden Sie Riester-Verträge aus Bankfilialen mit Beratungsprovisionen.

Berechnen Sie Ihre Riester-Förderung

Geben Sie Ihr Einkommen, Ihren Familienstand und die Anzahl Ihrer Kinder ein, um Ihre staatlichen Riester-Zulagen zu berechnen und das Ergebnis mit einem ETF-Sparplan-Szenario zu vergleichen.

Riester-Förderung berechnen

Häufig gestellte Fragen

Was passiert mit meinem Riester-Vertrag, wenn ich kündige?

Wer seinen Riester-Vertrag kündigt, muss die erhaltenen staatlichen Zulagen vollständig zurückzahlen und die durch den Sonderausgabenabzug erzielten Steuerersparnisse nachversteuern. Die eigene Einzahlung plus Verzinsung wird ausgezahlt, aber oft nach erheblichen Stornogebühren. Ein Wechsel des Anbieters (Übertragung) ist fast immer günstiger als eine Kündigung: Das Kapital bleibt erhalten, Zulagen und Steuervorteile bleiben bestehen, und es fällt lediglich eine Wechselgebühr von maximal 150 Euro an.

Welche ETFs eignen sich für die Altersvorsorge?

Für die langfristige Altersvorsorge eignen sich vor allem breit diversifizierte Aktien-ETFs mit niedrigen Kosten: der MSCI World (ca. 1.500 Unternehmen aus 23 Industrieländern, TER 0,10-0,20 %), der MSCI ACWI (ergänzt um Schwellenländer) oder der FTSE All-World. Alle drei haben historisch 7-9 % jährliche Rendite vor Inflation erzielt. Für die steuerliche Effizienz: thesaurierende ETFs mit deutschem Domizil oder steuerlicher Transparenz bevorzugen, und die 30 %-Teilfreistellung für Aktien-ETFs im Blick behalten.

Lohnt sich Riester noch in 2026 angesichts der geplanten Reformen?

Die Antwort ist profilabhängig. Für Geringverdiener mit mehreren Kindern (ab 2008) lohnt sich Riester 2026 weiterhin: Die Zulagenquote ist attraktiv und der Eigenbeitrag gering. Für Besserverdienende ohne Kinder ist ein ETF-Sparplan nahezu immer die überlegene Wahl. Zur Reform: Wer noch keinen Riester-Vertrag hat, kann die Reformentscheidung abwarten. Wer bereits einen läuft hat, sollte dessen Kosten prüfen und ggf. zu einem günstigeren Anbieter wechseln.